Zapfenpflücker - Schwindelfreiheit ist Grundvoraussetzung für den Job.

Schaukliger Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe

JAN ZAWADIL

Harz an den Handschuhen, am Shirt sowie an Hose und Schuhen - wenn Ralph Mohr aus den höchsten Höhen von Tannen oder Fichten absteigt, dann zeigt sich vor allem ein Bild von der Arbeit eines Zapfenpflückers: Das Ganze ist eine ganz schön klebrige Angelegenheit.

Foto: Jan Zawadil

Doch während der 35-jährige gelernte Baumschulgärtner schon von weitem den Duft eines  Tannen-Schaumbads verströmt, sammelt er den Lohn seiner Arbeit ein. Denn von fünf Bäumen sind einige mit Zapfen prall gefüllte Säcke zusammengekommen. Und die werden nicht aus Spaß an der Freude oder gar für weihnachtliche Bastelarbeiten, sondern für die Gewinnung von Samen und somit für Baumschulen geerntet.

Für die muss der Nürtinger, so wie am Montag im Gewand Schachen in der Nähe der ehemaligen Deponie Schinderteich, aber oftmals ganz nach oben. 40 Meter sind keine Seltenheit. Mit Kletterseil, Helm, Gurt und der entsprechenden Sicherung geht es jedoch schnurstracks nach oben. Nur: Wer jetzt denkt, dass der selbstständige Baumpfleger einen wildromantischen Abenteuerjob hat, täuscht sich. Werden die Zapfen doch im Akkord geerntet.

Weil Zeit dementsprechend Geld ist, wird nicht nur ordentlich rangeklotzt, sondern auch schon mal in luftiger Höhe gevespert. „Ich nehm manchmal mein Wurstbrot und einen Apfel mit nach oben", meint Mohr deshalb. Und weil die Zeit eben so kostbar sei, würden er und seine Pflücker-Kollegen genauso zig Meter über dem Boden von einem Baum zum andern wechseln, um mit der Ernte schneller voranzukommen.

Dennoch: Angesichts der Kletterei erteilt Mohr dem Ruf von Abenteuer bei der Arbeit eine Absage. „Die vorgegebenen Spielregeln müssen eingehalten werden", meint er vielmehr. Könnten bei Unachtsamkeit doch schnell Unfälle passieren. Und da reiche es oft schon aus, wenn unter Spannung stehendes Holz nicht beachtet werde. Zumal man dann schneller einen Ast im Gesicht habe, als man schauen könne.

Wachsamkeit ist deshalb oberstes Gebot, und obwohl Mohr schwindelfrei ist, „gibt es Momente, in denen man sich unwohl fühlt". Zum Beispiel dann, wenn in 40 Meter ein etwas stärkerer Wind wehe und die Wipfel ordentlich zu schaukeln beginnen. In solchen Fällen, so der Baumpfleger weiter, müsse aber jeder selbst entscheiden, ob er absteigt.

Angesichts aller Professionalität gerät der 35-Jährige trotzdem ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die rund sechs Wochen dauernde Zapfensaison denkt. Meist würden die Einsätze nämlich mehrere Tage dauern, bei denen er auch schon mal im Wald übernachten würde, was seinen ganz eigenen Reiz besitzen würde.

Während über den Lohn für die Ernte Stillschweigen herrscht, würden er und seine Kollegen allerdings öfters von Spaziergängern oder Wanderern gefragt, was sie denn mit der Kletterausrüstung im Wald machen würden und weshalb sie nicht einfach die auf den Boden gefallenen Zapfen einsammeln würden? Für die Weißtanne, wie sie jetzt geerntet wurde, gibt es dafür eine einfache Erklärung. Denn: die Zapfen zerfallen sehr schnell auf den Ästen. Um effektiv an Saatgut zu kommen, müsse deshalb gepflückt werden. Hierfür stehe laut Mohr aber ohnehin nur ein sehr begrenzter Zeitraum zur Verfügung.

Mit den Säcken aus dem Gewand Schachen geht es am frühen Montagabend übrigens gleich zum Wiegen auf den Forsthof. Von den insgesamt vier Pflückern, die zusammen mit Mohr angetreten sind, kommen dabei 574 Kilo Zapfen zusammen. Wobei die Ernte gleich noch aus den Säcken geschüttet wird, um laut Förster Jo Schempp eine Gärung und damit eine ungewollte Wärmeentwicklung zu verhindern.

Während beim Pflücken mit Handschuhen gearbeitet wird, sind die Hände nach dem Wiegen über und über mit Harz verklebt. Mohr kennt jedoch einen simplen Trick, greift in den Fußraum seines Transporters und holt eine kleine Flasche mit Speiseöl heraus: Einen Schuss davon  in den Händen verreiben wirkt nämlich Wunder gegen die zähe Masse.

Wie viel Saatgut oder Zöglinge aus den jetzt gepflückten Weißtannenzapfen gewonnen werden, weiß Mohr übrigens nicht. Für die Douglasie gelte jedoch folgende Faustformel: aus einem Kilo Samen gibt es rund 3000 Pflanzen.

Nachdem die erste Ladung mit Weißtannenzapfen allerdings abgeliefert ist, geht es für den Baumpfleger umgehend zurück in den Wald und auf die Bäume. Denn die Vorgabe für die Ernteaktion lautet: eine Tonne Zapfen an zwei Tagen.

erschienen im Reutlinger General-Anzeiger, September 2013

Harz überall - Zapfenpflücken ist eine klebrige Angelegenheit.

Foto: Jan Zawadil

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