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erschienen im Staatsanzeiger Baden-Württemberg April 2019

Zapfenpflücker - Schwindelfreiheit ist Grundvoraussetzung für den Job.

Schaukliger Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe

JAN ZAWADIL

Harz an den Handschuhen, am Shirt sowie an Hose und Schuhen - wenn Ralph Mohr aus den höchsten Höhen von Tannen oder Fichten absteigt, dann zeigt sich vor allem ein Bild von der Arbeit eines Zapfenpflückers: Das Ganze ist eine ganz schön klebrige Angelegenheit.

Foto: Jan Zawadil

Doch während der 35-jährige gelernte Baumschulgärtner schon von weitem den Duft eines  Tannen-Schaumbads verströmt, sammelt er den Lohn seiner Arbeit ein. Denn von fünf Bäumen sind einige mit Zapfen prall gefüllte Säcke zusammengekommen. Und die werden nicht aus Spaß an der Freude oder gar für weihnachtliche Bastelarbeiten, sondern für die Gewinnung von Samen und somit für Baumschulen geerntet.

Für die muss der Nürtinger, so wie am Montag im Gewand Schachen in der Nähe der ehemaligen Deponie Schinderteich, aber oftmals ganz nach oben. 40 Meter sind keine Seltenheit. Mit Kletterseil, Helm, Gurt und der entsprechenden Sicherung geht es jedoch schnurstracks nach oben. Nur: Wer jetzt denkt, dass der selbstständige Baumpfleger einen wildromantischen Abenteuerjob hat, täuscht sich. Werden die Zapfen doch im Akkord geerntet.

Weil Zeit dementsprechend Geld ist, wird nicht nur ordentlich rangeklotzt, sondern auch schon mal in luftiger Höhe gevespert. „Ich nehm manchmal mein Wurstbrot und einen Apfel mit nach oben", meint Mohr deshalb. Und weil die Zeit eben so kostbar sei, würden er und seine Pflücker-Kollegen genauso zig Meter über dem Boden von einem Baum zum andern wechseln, um mit der Ernte schneller voranzukommen.

Dennoch: Angesichts der Kletterei erteilt Mohr dem Ruf von Abenteuer bei der Arbeit eine Absage. „Die vorgegebenen Spielregeln müssen eingehalten werden", meint er vielmehr. Könnten bei Unachtsamkeit doch schnell Unfälle passieren. Und da reiche es oft schon aus, wenn unter Spannung stehendes Holz nicht beachtet werde. Zumal man dann schneller einen Ast im Gesicht habe, als man schauen könne.

Wachsamkeit ist deshalb oberstes Gebot, und obwohl Mohr schwindelfrei ist, „gibt es Momente, in denen man sich unwohl fühlt". Zum Beispiel dann, wenn in 40 Meter ein etwas stärkerer Wind wehe und die Wipfel ordentlich zu schaukeln beginnen. In solchen Fällen, so der Baumpfleger weiter, müsse aber jeder selbst entscheiden, ob er absteigt.

Angesichts aller Professionalität gerät der 35-Jährige trotzdem ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die rund sechs Wochen dauernde Zapfensaison denkt. Meist würden die Einsätze nämlich mehrere Tage dauern, bei denen er auch schon mal im Wald übernachten würde, was seinen ganz eigenen Reiz besitzen würde.

Während über den Lohn für die Ernte Stillschweigen herrscht, würden er und seine Kollegen allerdings öfters von Spaziergängern oder Wanderern gefragt, was sie denn mit der Kletterausrüstung im Wald machen würden und weshalb sie nicht einfach die auf den Boden gefallenen Zapfen einsammeln würden? Für die Weißtanne, wie sie jetzt geerntet wurde, gibt es dafür eine einfache Erklärung. Denn: die Zapfen zerfallen sehr schnell auf den Ästen. Um effektiv an Saatgut zu kommen, müsse deshalb gepflückt werden. Hierfür stehe laut Mohr aber ohnehin nur ein sehr begrenzter Zeitraum zur Verfügung.

Mit den Säcken aus dem Gewand Schachen geht es am frühen Montagabend übrigens gleich zum Wiegen auf den Forsthof. Von den insgesamt vier Pflückern, die zusammen mit Mohr angetreten sind, kommen dabei 574 Kilo Zapfen zusammen. Wobei die Ernte gleich noch aus den Säcken geschüttet wird, um laut Förster Jo Schempp eine Gärung und damit eine ungewollte Wärmeentwicklung zu verhindern.

Während beim Pflücken mit Handschuhen gearbeitet wird, sind die Hände nach dem Wiegen über und über mit Harz verklebt. Mohr kennt jedoch einen simplen Trick, greift in den Fußraum seines Transporters und holt eine kleine Flasche mit Speiseöl heraus: Einen Schuss davon  in den Händen verreiben wirkt nämlich Wunder gegen die zähe Masse.

Wie viel Saatgut oder Zöglinge aus den jetzt gepflückten Weißtannenzapfen gewonnen werden, weiß Mohr übrigens nicht. Für die Douglasie gelte jedoch folgende Faustformel: aus einem Kilo Samen gibt es rund 3000 Pflanzen.

Nachdem die erste Ladung mit Weißtannenzapfen allerdings abgeliefert ist, geht es für den Baumpfleger umgehend zurück in den Wald und auf die Bäume. Denn die Vorgabe für die Ernteaktion lautet: eine Tonne Zapfen an zwei Tagen.

erschienen im Reutlinger General-Anzeiger, September 2013

Harz überall - Zapfenpflücken ist eine klebrige Angelegenheit.

Foto: Jan Zawadil

Der Kopf fasst die Eindrücke nicht
 
Einsatzkameratrupp mit Mayener Bundeswehrsoldaten hielt Ausmaße der Flutwelle auf der indonesischen Insel Sumatra fest

 

Einer der größten humanitären Einsätze in der Geschichte der Menschheit rollte nach der Flutkatastrophe in Südostasien an. Unter den Helfern waren auch Soldaten der Bundeswehr. Ein Einsatzkameratrupp des Mayener Zentrums für Operative Information war auf Sumatra, um das Geschehen zu dokumentieren - und was die Kameras festhielten, begriffen oft die Köpfe nicht.

 

MAYEN/ACEH. Die Flut schlug wie ein Donnerkeil ins Leben der Menschen von Banda Aceh. Sie verloren ihre Häuser, ihr Hab und Gut oft auch ihre Familien und Angehörigen. Im Auftrag des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr war seit Anfang Januar ein Einsatzkameratrupp (EKT) auf der indonesischen Insel Sumatra, nicht nur, um die Arbeit eines mobilen Rettungszentrums zu dokumentieren, sondern auch, um Bilder aus dem Katastrophengebiet nach Deutschland zu übermitteln.

 

Die Eindrücke, die die fünf in Mayen stationierten Bundeswehrsoldaten mit der Kamera bei ihrem Einsatz sammelten, gingen dabei oft über das menschlich erträgliche Maß hinaus. Hinzu kam der „ständig in der Luft liegende süßlich stechende Geruch", erzählt Oberstleutnant Siegfried Poschitz, Leiter des Dezernates Einsatzkameratrupps im Zentrum für Operative Information in der General-Delius-Kaserne.

 

Der Leichengeruch war das eine, das verseuchte Wasser, das an vielen Stellen der Stadt nach wie vor nicht abgeflossen war, das andere. Hinzu kamen der Monsunregen und die Hitze von bis zu 40 Grad. Beides Faktoren, die die Arbeit erschwerten. „Und sobald es dunkel wurde, fielen die Moskitos ein", sagt Poschitz weiter.

 

Trotz der Katastrophe, der Zerstörung, der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe von Helfern und Betroffenen sowie der Tatsache, dass in der Region besonders streng gläubige Moslems leben, lernte der Oberstleutnant die Menschen auf Sumatra als weltoffen kennen. Und trotz der bereits Jahrzehnte dauernden Auseinandersetzung zwischen den Unabhängigkeitskämpfern der Gerkan Aceh Merdeka (Bewegung freies Aceh) und der Regierung hätten die Hilfskräfte aus den unterschiedlichsten Staaten während ihres Einsatzes keine Behinderung ihrer Arbeit erlebt.

 

Rund zehn Meter hohe Welle hatten dabei die Region bei der Flutkatastrophe am zweiten Weihnachtsfeiertag getroffen. An der Nordostküste überraschte das Wasser die Menschen, als es aus dem Landesinneren kam. Denn die Welle schwappte über den Landzipfel einfach hinweg. „Massive Häuser aus Beton wurden weggerissen", erläutert Poschwitz. Boote seien weit ins Land hineingespült worden.

 

Doch nicht nur die Zerstörung machte die Helfer betroffen. „Die Gesichter waren von Hoffnungslosigkeit geprägt. Trotzdem war der Lebenswille da. Die Leute warteten nicht darauf, dass ihnen geholfen wird", meint der Mayener Oberstleutnant. Doch die Hilfe zur Selbsthilfe, die auch mit dem Aufbau des rund 1200 Quadratmeter großen Rettungszentrums geleistet wurde und vorübergehend einen Teil des modernen und nun zerstörten General-Hospitals in Banda Aceh ersetzt, gebe den Menschen ein zusätzliches Zeichen der Hoffnung.

 

Bei seinen Dreharbeiten begegnete das Kamerateam auch einem Studenten, der eigentlich ins Katastrophengebiet gekommen war, um den Überlebenden zu helfen. Seine Hilfe wurde allerdings ganz woanders benötigt: „Sie brauchten ihn nur für die Beerdigungen." Die Bundeswehrsoldaten begleiteten ihn dennoch eine zeitlang. Hielten fest, wie er zusammen mit anderen Helfern etwa zehn Tote pro Tag aus den überschwemmten Feldern oder aus den Trümmern in der Stadt zog.

 

Die fünf Soldaten des EKT verarbeiteten die täglichen Eindrücke in Gesprächen. Denn: „Man ist jedes Mal aufs Neue tief beeindruckt", erinnert sich der auslandserfahrene Offizier. Die Lebensqualität in Deutschland empfinde er deshalb nach jedem Auslandseinsatz intensiver. Trotz der zahlreichen Eindrücke sind dem Oberstleutnant von Sumatra zwei Dinge ganz besonders in Erinnerung geblieben: Das Bild eines lachenden Mädchens, das für ihn die positive Einstellung der Acehnesen ausdrückt und das Zitat eines Fotografen: „Mein Auge sieht es, meine Kamera sieht es - nur der Kopf begreift es nicht." Jan Zawadil

Erschienen am 9. Februar 2005 in der Rhein-Zeitung

Nach 40 Jahren ist Schluss: Max Herfert schließt sein Musikgeschäft.

Die Zeiten haben sich geändert

„Vom Antrieb her würde ich noch 20 Jahre machen." Trotzdem: Max Herfert schließt nach fast 40 Jahren sein Musikgeschäft - und das, weil sich die Gesellschaft und damit das betriebswirtschaftliche Ergebnis verändert haben.

JAN ZAWADIL

Reutlingen.   „Die Zeit hat sich verändert, das muss ich akzeptieren." Max Herfert war noch nie ein Mensch, der Dingen hinterher getrauert hat. Nach fast 40 Jahren, die es sein Musikgeschäft in der St. Peter-Straße gegeben hat, heißt es jetzt aber: Schluss, Aus, Ende, Vorbei.

Bedauern werden das sicherlich viele. Doch müssen sie sich bis zu einem gewissen Grad an die eigene Nase fassen, wenn eines der letzten ganz urigen und authentischen Geschäfte schließt. Schließlich sind immer mehr von Herferts Kunden ins Internet abgewandert oder wollten nur noch im schicken, konventionellen Ambiente einkaufen.

Genau das schlug sich letztlich auf die Zahlen nieder. Immer mehr Schwankungen musste Herfert verzeichnen. Und die guten Monate deckten irgendwann nicht mehr die schlechten, so dass der anstehende Schlussstrich unumgänglich war.

Dabei konnten sich die Kunden auf Herferts Beratung, seine Tipps, Tricks und Kniffe immer verlassen und gleich noch kostenlos den erdigen Hauch des „Dirty Rock" einatmen. Sie konnten bei ihm auch immer mal Instrumente ausleihen oder Rat finden, wenn es den Gitarrenkorpus zwickte und zwackte und nicht ganz klar war, woran das eigentlich lag.

„Eine meiner Eigenschaften ist: Ich kann Dinge akzeptieren", meint Herfert trotzdem mit Blick auf das nahende Endes seines Musikgeschäfts. Von Wehmut oder Abschiedsschmerz will er aber nichts wissen. Und auch auf Leute, die mit der Schließung Krokodilstränen vergießen würden, könne er verzichten. Eines bedauere er hingegen: „Dass sich die Gesellschaft so verändert hat."

Im Gegensatz zu diesen Veränderungen scheint die Zeit in Herferts Musikgeschäft stehen geblieben zu sein. Einen Computer sucht man vergebens. Und auch eine Heizung hat es nie gegeben und irgendwie auch nie gebraucht. Vielmehr machten das die herzliche Art des 62-Jährigen sowie im Winter ein Kohleofen wett. Plakate von Gruppen wie Schwoißfuaß, der Thommie Bayer Band oder Guru Guru zeugen außerdem von großen Musikmomenten und den Zeiten als Musiker bekannter Kraut-Rock-Bands bei Herfert vorbeischauten und ihr Equipment von ihm bezogen.

Nichtsdestotrotz: Das Leben geht weiter. Und weil es Max Herfert dann doch schade finden würde, wenn sein Wissen rund um Musik und Instrumente verlorengehen würde, wird er künftig in seinem Privathaus in der Markusstraße 14 weiterhin Einstellarbeiten vornehmen. Es macht eben doch zu viel Spaß.

Weiter geht es auch mit der zweiten großen Leidenschaft des Multitalents. Neben der Rolle als Musiker, Instrumente-Händler, Künstler und Buchautor ist es nämlich das Boxen, das ihn auf Trab hält und mit dem er Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen neue, andere und bessere Wege aufzeigt und sie zu ihren Stärken führt.

Musik und Boxen sind für  Herfert dabei kein Widerspruch. Vielmehr ergeben sie für den dreifachen Familienvater und zwischenzeitlich achtfachen Opa eine große Schnittmenge. Im hessischen Dörnigheim geboren, kam Herfert nämlich mit 13 oder 14 Jahren zum dortigen Spielmannszug und lernte das Trommeln. Trotzdem kam ihm etwas in die Quere. Als  Jugendlicher seiner Zeit ließ sich Herfert nämlich eine ordentliche Matte wachsen. Mit dem Haarschopf bis an die Hüften entsprach er allerdings nicht dem standesgemäßen Bild vom Mitglied eines Spielmannszugs. Und die sechs bis sieben Jahre Älteren, die durch ihre Eltern noch weit mehr vom Krieg geprägt gewesen seien als er, seien neidisch gewesen, dass er sich solche Freiheiten wie die langen Haare herausgenommen habe. Des Öfteren sei es deshalb zu Handgreiflichkeiten gekommen, die sich Herfert nicht gefallen lassen wollte.

Weil Boxen zur Selbstbehauptung gehörte, die Mutter aus Sorge um den Sohn aber nie einem Training im Verein zugestimmt hätte, hielt er sich selbst fit.  Absolvierte immer schon Waldläufe oder Liegestütz und schafft auch heute noch jeden Tag locker 100 Stück.

Zum Studieren ging es für ihn dann  allerdings nach Tübingen, gewohnt hat er in Rommelsbach. Bis zum Biologie-Vordiplom brachte er es. Und obwohl er gern studiert habe, so Herfert, graute es ihn bei der Vorstellung, irgendwann sein Leben in einem Labor zu verbringen.

Die Liebe zur Musik und der Spaß am Handel mit Instrumenten war deshalb etwas ganz anderes. Und weil Herfert schon immer sein eigenes Ding durchzog, fing er mit 30 Jahren eben doch noch mit dem Boxen im Verein an und hatte auch hierbei Erfolg. Nur gab es für Amateurboxer, die die 37 Jahre erreicht hatten, keine weitere Zulassung. Herfert hielt das trotzdem nicht auf. Zumal er das Gefühl hatte, „mit dem Boxen noch nicht fertig zu sein". Er stieg deshalb mit unterschiedlichsten Gegnern in den Ring, eröffnete eine Kunstausstellung mit einem Kampf oder trat als Sparringspartner gegen den Weltmeister im Cruiser-Gewicht, Markus Bott, an.

Ganz ungefährlich waren die Ausflüge in die Boxwelt nie. Von den insgesamt sechs Urlaubs- beziehungsweise Fehltagen der vergangenen 40 Jahre war er drei Tage wegen einer mehrfach gebrochenen Nase sowie einem gebrochenen Jochbein außer Gefecht gesetzt. Mit Blick auf diese Erfahrungen, das Erlebte, die Familie und das Leben, das hinter und noch vor ihm liegt, meint Herfert jedoch: „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt."

erschienen in der Südwestpresse, Juni 2015

Foto: Jan Zawadil

Parkour: Ein Leben ohne Hindernisse

Scheinbar mühelos über Mauern springen, Treppenaufgänge mit einem Satz überwinden - Marius Mohr hat Parkour nicht nur für sich entdeckt, er lebt und liebt die Art der grenzenlosen Fortbewegung. Und die Begeisterung war es wohl auch, die ihn zu einem der Großen in der Szene gemacht hat.

 

JAN ZAWADIL

Geht seine eigenen Wege: der Traceur Marius Mohr.

Foto: Jan Zawadil

Reutlingen.   „Ich sehe Treppen und sehe 100 Sprünge. Die Fantasie geht mit einem durch." Bei Marius Mohr ist die Begeisterung für seinen Sport, sein Parkour, förmlich greifbar. Denn wenn der 20-jährige Reutlinger ein Mal begonnen hat, von den Sprüngen und der Leichtigkeit zu erzählen, gerät er nicht nur ins Schwärmen, er taucht in eine völlig andere Welt ein.

Doch so romantisch das klingen mag: Die effektive und scheinbar mühelose Art der Fortbewegung hat wenig beschaulich begonnen. In den 80er-Jahren  hatten nämlich die Kids der Pariser Banlieues ihre triste Umgebung satt. Und weil sie nicht raus konnten, haben sie kurzerhand die Betonbauten, die Häuserschluchten mitsamt ihren dunklen Treppenaufgängen zu ihrem Spielplatz gemacht.

Was damals scheinbar kindliche Verfolgungsjagden über Geländer, Mauern und Abfahrten waren, wuchs dennoch mit den Jugendlichen und wurde zu „Le Parkour" - der kunstvollen Bewegung, die keine vorgefertigten Wege kennt.

„Das will ich auch können" war vor wenigen Jahren trotzdem Marius Mohrs erster Gedanke, als er vor dem Computer saß und in einem Video die Sprünge eines Parkour-Läufers, eines so genannten Traceurs, sah. Und da war dem jetzigen Abiturienten plötzlich klar, dass die Suche nach seinem „ganz persönlichen Ding" beendet war. Endlich konnten die Fußballschuhe an den Nagel gehängt werden und der Tennisschläger in der Ecke bleiben. Nur das jahrelange Judo-Training, das war die ideale Grundlage, um ein damals noch in weiter Ferne liegendes Ziel zu erreichen.

Die ersten Schritte als Traceur machte Mohr im heimischen Reutlingen. Mit einem Kumpel ging es damals über Betonpfeiler und Geländer. Weil Mohr aber schon damals mehr wollte, suchte er den Kontakt zu anderen Läufern und musste feststellen: „Die waren nicht so locker." Außerdem seien ihm die damaligen ersten Parkour-Bekanntschaften ohnehin suspekt gewesen.

Weil Mohr sich von seinem Ziel nicht abbringen lassen wollte, nahm er einen ähnlich harten Weg wie die Jugendlichen der Pariser Vorstädte auf sich. Er kaufte sich deshalb im Sommer 2008 ein Schülerticket und tourte durch Süddeutschland. Traf sich mit Traceuren und Freerunnern, um sich eigentlich ein paar Tricks abzuschauen und um zu lernen. Doch was er da teils zu hören bekam, war alles andere als Lob. „Ich hab' nämlich eins auf den Deckel bekommen", erinnert sich Mohr, der über diese Episode zwischenzeitlich lachen kann. Schließlich habe er sich klipp und klar anhören müssen, dass er unbedingt mehr Krafttraining machen müsse, wenn er es zu etwas bringen wolle.

Der Schüler befolgte den Rat. Und der war nicht nur goldrichtig. Hinzu kam der Kontakt zu Sven Feix. Der Freiburger, so Mohr, sei nämlich nicht nur einer der ersten Parkour-Begeisterten und Großen in der deutschen Szene gewesen, „er hat sich auch um uns gekümmert".

„Immer besser sein als die anderen" wurde zur Maxime. Dem jungen Traceur hat das nicht nur Freunde beschert. Vielmehr führte es dazu, dass er sich mit seinem Kumpel aus Parkour-Anfangszeiten zerstritten hat.

So schmerzlich diese Erfahrung war, letztlich ist das Vergangenheit. Vielmehr zählt der 20-Jährige längst selbst zu den großen Traceuren und hat gelernt wie der Hase läuft. Er weiß nämlich wie hart die Konkurrenz ist, weiß um die Animositäten in der Szene, in der sich manch einer schon mal auf einem selbstgeknipsten Smartphone-Foto und im überdimensionalen Hotelzimmer zeigt, das vom jeweiligen Auftraggeber zur Verfügung gestellt wurde.

Über so etwas kann Marius Mohr trotzdem nur schmunzeln. Und den Adrenalinkick, wie ihn viele suchen würden, braucht er genauso wenig. Ihm geht es vielmehr darum, sich bei seinen Sprüngen gut zu fühlen. Wobei das erklären könnte, warum der Abiturient auch mal dem Stadttrubel entflieht und ein ruhiges, konzentriertes Training im Wald absolviert.

Dennoch: „Ich kann was, was andere nicht können", meint Mohr verschmitzt und betont, dass der Spaß am Parkour trotz allen Ehrgeizes und des harten Trainings nicht zu kurz kommen darf.

Weil der Sport der anderen Wege für ihn Lebensmittelpunkt geworden ist und sein Leben positiv verändert hat, möchte Mohr aber nach dem Abitur beruflich weiterhin mit Parkour zu tun haben. Und der Erfolg aus zahlreichen Auftritten wie beispielsweise bei Präsentationen von Automobilherstellern scheint ihm Recht zu geben, weshalb die Gründung einer Event-Agentur mit der Vermittlung von Traceuren ein erster und logischer Schritt war.

Reich will Mohr mit dem einstigen Trendsport trotzdem nicht werden, und schon gar nicht die Welt verändern. Ein bisschen stolz ist er dennoch auf das, was er tut, „weil es etwas ist, für das ich mich wirklich selbst entschieden habe".

Dadurch erklärt sich wohl auch die Motivation und die Vielzahl der Anfragen. Denn: „Mit dem Spaß kommt der Erfolg." Trotzdem sei es momentan schwer, den Alltag aus Schule, Events und Training unter einen Hut zu bekommen. Letztlich sei Parkour für ihn aber eine Lebenseinstellung, mit der er seinen ganz persönlichen Stil verbinde und sich wie ein Entdecker fühle. Richtig in Worte könne er die Faszination allerdings nicht fassen - nur so viel: „Ganz normal sind wir Traceure nicht."

erschienen in diversen Tageszeitungen, 2012

Ab in die Brühe: ein Klärwerkstaucher vor dem Abseilen in den Faulturm.

Hier duftet es nicht nach Chanel

Es gibt schöne und weniger schöne Jobs. Und es gibt Jobs, die mancher nie machen würde. Dazu gehört mit Sicherheit das Klärwerkstauchen. Doch im Faulturm muss ja irgendjemand den Job machen.

 
JAN ZAWADIL

Foto: Jan Zawadil

Nein – der Geruch, der aus dem Faulturm des Klärwerks steigt, ist nichts für empfindliche Nasen. Denn was da aus dem Behälter wabert, ist sicherlich nicht Coco Chanels Nummer Fünf, sondern eher ein Duft, der genau an das erinnert, aus dem er aufsteigt: Aus einer braunen, blubbernden, zähflüssigen Masse.

 

Angesichts dieser Brühe gibt es für viele bestimmt angenehmere Vorstellungen. Doch nachdem sich im unteren Bereich des Faulturms im Mittelstädter Klärwerk Ablagerungen und so genannte Verzopfungen aus Haaren, Fasern und noch weit unschöneren Dingen tummeln,  mussten diese nun abgetragen werden, um die optimale Produktion von Faulgas wieder zu gewährleisten.

 

Die Männer, die sich des zähen und teils festen Belags vergangene Woche angenommen haben, sind jetzt allerdings echte Profis, die nichts so leicht umhaut. Als Industrietaucher mit dem Spezialgebiet Klärwerkstauchen und mit Blick auf den Schlick müssen sie das aber wohl auch zweifelsohne sein. Denn nicht nur, dass es die meisten Einiges an Überwindung Kosten würde, sich ins Bad aus Abwasserinhalten zu stürzen. Die mehrstündigen Tauchgänge an den insgesamt vier Tagen sind auch anstrengend und nicht ganz ungefährlich. Beträgt doch beispielsweise der Druck der dicken Brühe in dem etwa 15 Meter tiefen Bauwerk „etwa drei Bar“, wie Taucher Michael Lorenzen von der Pinneberger Firma Richter schätzt und liegt damit einiges über dem Druck eines Autoreifens mit seinen meist 1,8 Bar.

 

Die körperliche Beanspruchung durch die Arbeit im Faulturm ist also hoch. Und die etwa 35 Grad Celsius tragen ihr Übriges dazu bei, beim Taucher für Schweißausbrüche und einen Flüssigkeitsverlust von rund anderthalb Liter während der jeweils dreistündigen Tauchgänge zu sorgen.

 

Topfit müssen die Industrietaucher, die auch Arbeiten wie beispielsweise Schweißen unter Wasser oder Schiffsbodenuntersuchungen durchführen, deshalb schon sein. Und auch das Vertrauen ins Team mit zweitem Taucher sowie zwei Helfern muss stimmen.

 

Trotz oder gerade wegen der nicht sonderlich angenehmen Arbeit sind die Klärwerkstaucher aber nicht nur im Mittelstädter Werk gefragt. Viel Freizeit gibt es für sie und das Team deshalb nicht. Denn: „Rund 250 Tage im Jahr sind wir unterwegs“, erklärt Taucher Lorenzen. Die Familie bekomme man da nicht oft zu sehen. Seien sie doch nicht nur in Deutschland, sondern weltweit auf allen Kontinenten unterwegs.

 

Den Anreiz für den Job macht für den früheren Marinetaucher Lorenzen dabei vor allem das Finanzielle aus. Deshalb will er den Job auch noch so lange machen, wie es die Gesundheit zulässt. Wenn es allerdings nicht mehr funktionieren sollte, dann könnte er sich auch vorstellen, an schöneren Fleckchen dieser Welt abzutauchen. „Nur weiß ich dann nicht, ob ich erschrecke, wenn ich meine eigenen Füße beim Tauchen sehe.“ Habe das Nordlicht bei seinen bisherigen beruflichen Tauchgängen doch immer in einem Ganzkörper- und nicht nur einem Neoprenanzug gesteckt.

 

Über ihr Honorar sprechen die Taucher allerdings nicht. Ehrensache versteht sich. Doch die Kosten für die Arbeiten im Faulturm belaufen sich für den Abwasserzweckverband Merzenbachtal auf rund 25 000 Euro. Eine Investition, die sich laut der Verantwortlichen allerdings lohnt. Denn hätte der Turm mit seinen fast 13 Metern Durchmesser und etwa 16 Meter Tiefe völlig leergepumpt werden müssen, hätte das mit Sicherheit das Doppelte gekostet.

Es gibt Schöneres - doch irgendjemand muss es ja machen.

Foto: Jan Zawadil

Agentur bedauert Hartz-IV-Panne

 

Roland Kollers Tochter Ramona sollte trotz schwerer geistiger und körperlicher Behinderung Arbeitslosengeld II erhalten

 

Seit ihrer Geburt ist Ramona Koller geistig und körperlich behindert. Seit mehr als 20 Jahren bezog die mittlerweile 43-Jährige, die zeitlebens bei ihrem Vater wohnt, Sozialhilfe. Doch im November kam für Roland Koller die große Überraschung: Seine Tochter Ramona sollte plötzlich arbeitsfähig und damit Hartz-IV-Empfängerin sein.

 

ADENAU. Roland Koller ist frustiert und wütend. Seit Jahren erhält seine zu 100 Prozent geistig und körperlich behinderte 43-jährige Tochter Ramona Unterstützung vom Sozialamt. Doch mit Hartz IV flatterte ihm im November ein Brief des Arbeitsamtes ins Haus, der ihn an den Behörden zweifeln ließ. Einen Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem zweiten Sozialgesetzbuch sollte er ausfüllen, das die Agentur für Arbeit von der Beschäftigungsfähigkeit seiner Tochter ausging.

 

Ein sozialpsychiatrisches Gutachten sowie den Beschluss des Arbeitsamts über die Entmündigung der Tochter aus dem Jahr 1983 schienen plötzlich keine Bedeutung mehr zu haben. Roland Koller vermutet, dass es einen Fehler beim Sozialamt Adenau gab, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Wurde doch hier die Entscheidung getroffen, Ramona als arbeitsfähig einzustufen.

 

Der 68-jährige Vater und Vormund war außer sich. Nicht zum ersten Mal begann Roland Koller deshalb Briefe zu schreiben, sich an Behördenvertreter zu wenden. Er erklärte, dass seine Tochter durch Krampfanfälle sowie durch eine irreparable Behinderung eine ständige Begleitung benötigt.

 

Manfred Heinrichs, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Ordnung, Soziales und Schulen bei der Verbandsgemeinde Adenau, konnte zwar zu dem Fall Ramona Koller nichts sagen, erklärte die mögliche Entstehung jedoch folgendermaßen: „Wer täglich bis zu drei Stunden arbeiten kann, wird als erwerbsfähig eingestuft. Bei strittigen Fällen entscheidet die Bundesagentur für Arbeit."

 

Und die schickte Roland Koller Anfang Juli einen zweiten und genau gleichen Antrag, den der auszufüllen hätte. Koller tat dies mit einem Kopfschütteln. Denn sollte seine Tochter, die noch nie gearbeitet hat, wirklich zur Arbeitslosengeld-II-Bezieherin werden?

 

Vor einigen Tagen erhielt der Vater jedoch einen weiteren Brief der Arbeitsagentur. Der besagte, dass ein ärztliches Gutachten ergeben hätte, dass die 43-jährige nun wohl doch nicht arbeitsfähig sein soll, was Koller erneut aus allen Wolken fallen ließ: „Ein Arzt hat sie für ein Gutachten doch nie gesehen. Wie soll das dann zustande gekommen sein?"

 

Doris Litz, Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit in Mayen, bedauert, dass es für die Betroffenen zwangsläufig so ablief. Erschwerend sei in diesem Fall hinzugekommen, dass im Kreis Ahrweiler die Bundesagentur und das Sozialamt nicht einer Arge Hand in Hand zusammenarbeiten. „Das ärztliche Attest ist dann aufgrund der Aktenlage erstellt worden."

 

Für Roland Koller steht die Welt trotzdem Kopf. Auch wenn seine Tochter mittlerweile wieder als Sozialhilfeempfängerin eingestuft ist, hören die Probleme doch nicht auf. Denn neben dem ewigen Papierkrieg sind es vor allem die Sätze, die plagen. Bleiben der Tochter von den Zahlungen doch gerademal 301,88 Euro pro Monat. Davon geht ein großer Teil für die Wohnung in dem von Koller gemieteten Häuschen in Adenau ab. „Von den Leistungen müssen aber noch Rücklagen gebildet werden."

 

Wie er das bewerkstelligen soll, ist ihm völlig rätselhaft. Denn würde er nicht zusätzlich mit seinem Geld für den Lebensunterhalt der Tochter aufkommen, „könnte sie kaum über Wasser gehalten werden".   Jan Zawadil

Erschienen am 18. August 2005 in der Rhein-Zeitung

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